Brotzeit für die Augen – Das Münchner Original Sigi Sommer

Vielleicht ist es die materielle Not der frühen Jahre, die Sigi Sommers Sichtweise auf die Welt und seinen unverwechselbaren Schreibstil formte: mit dem Finger in der Wunde, ein wenig hinterfotzig und doch nachsichtig. Schon früh wurde ihm klar: Ich werde Schriftsteller. Erste Gedichte und Plaudereien entstehen, während er sich tagsüber unter anderem als Spüler durchschlug. 1939 wird er eingezogen und schrieb auf, was er im Krieg erlebt: keine Heldengeschichten. Nach dem Krieg ist er ein Mann der ersten Stunde bei der SZ, später auch bei der AZ: als Lokalreporter, Glossenschreiber und Sportberichterstatter. 1948 schlägt dann die Geburtsstunde für Blasius Blinzl, den Spaziergänger. Der Parade-Grantler avancierte bald zum beliebtesten AZ-Mitarbeiter. „Brotzeit für die Augen“ nennt Blasius seine Streifzüge durch die Stadt. Sein „Schreib-Futter“ fand er überall – in den Flüchtlingslagern nach dem Krieg, auf einer Vergnügungsfahrt mit der „Wellendroschke“ auf der Isar bis hin zur Wiederaufrüstung.

Doch Sigi Sommer war mehr als ein Kolumnist. In den 50er-Jahren erschienen zwei Romane von ihm: „Und keener weint mir nach“ wird von Bertolt Brecht als bester Nachkriegsroman bezeichnet. Dagegen ist „Meine 99 Bräute“ für die damalige Zeit zu gewagt, um Erfolg zu haben, wie auch das Theaterstück „Marile Kosemund“. Der Autor mutmaßte: „Da steckt bestimmt die Kirch’ dahinter!“ Als einzigartiger Kenner der Stadt war er Fremdenführer großer Persönlichkeiten wie Willy Brandt oder Loki Schmidt. Darüber schrieb er dann, und nicht immer nur Schmeichelhaftes. Wirklich böse darüber sind ihm aber nur wenige.

Als Sportler – er boxte und spielte Tennis – war er am liebsten lässig unterwegs, in Turnschuhen und später, wegen der ausdünnenden Haarpracht, mit dem obligaten Lederkapperl auf dem Kopf. Letzteres ist ihm so wichtig, dass er es nicht einmal vergaß, als er eines Tages nackt aus einer brennenden Sauna flüchten musste. Nach Feierabend zog es ihn in seine „Knöcherlsulz-Basilika“, den Augustiner Bierkeller, zu seinem legendären Stammtisch. In späteren Jahren suchte ihn die eine oder andere Krankheit heim, er begegnete ihnen ohne Selbstmitleid, aber mit einem Schuss Melancholie. 1987 erscheint die letzte Blasius-Kolumne – der Großstadtindianer geht in Rente. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen hat Sigi Sommer für sein Werk erhalten. Nach schwerer Krankheit starb er im Januar 1996.

Buch Tipp:
Werner Meyer (Hrsg.), Wie rasend verfliegen die Jahr, 166 S., Allitera Verlag, 16 Euro

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